Ich hatte das schon ein paar Mal.
Nicht oft ... eher selten. Verdammt selten.
Das letzte Mal vielleicht vor einem Jahr, einem Jahr, das ich am liebsten aus meinem Gedächtnis ausbrennen würde, in Flammen sollte dieses Jahr lodern, dieses schmerzhafte, furchtbare Jahr.
Ich habe gedacht, ich würde das nie mehr bekommen, aber ... heute war es so weit.
Es geschah schon wieder. Es fängt ganz normal an, Tränen steigen einem in die Augen, man atmet schwer, man will sich am liebsten unter die kuschelige Decke legen und nie wieder hervor kriechen. Einfach in angenehm warme Dunkelheit einhüllen und ins Nichts starren, bis die Tränen versiegen.
Aber so einfach funktioniert das bei mir nicht. Wie auch, das bin ja auch ich. Bei mir ist nie etwas leicht. Wäre doch viel zu schön.
Das Witzige ist: Es passiert immer aus demselben Grund. Immer passiert mir das, wenn mir jemand ein Loch ins Herz schlägt. Immer geschieht es, wenn ich mich gepfählt fühle, und dieses angenehme Gefühl, an das ich mich so fest klammere wie ich kann, verschwindet.
Man sollte meinen, dass man den Schmerz irgendwann gewohnt ist, dass sich eine gewisse Resignation einstellt, weil es schon so oft geschehen ist, aber nein, ich bin immer wieder aufs Neue entsetzt und verfluche das alles, alles, was damit je zusammenhing und immer noch zusammenhängt.
Es ist wie eine innere Explosion in meinem ganzen Körper. Erst fühlt man alles auf einmal, Verzweiflung, Wut, Schmerz, dann ist man einige Sekunden lang betäubt und fühlt gar nichts, und dann sieht man, wie verwüstet man ist. Wie sehr dich diese Explosion, die du schon so oft erlebt hast, nur immer von anderen Händen ausgelöst, zerstört hat, obwohl du gerade dachtest, dass die ersten Grashalme anfangen zu sprießen, die ersten Blumen sich wieder zeigen.
Aber nein. Boom. Wieder kaputt.
Erschreckend, wie leicht das funktioniert. Wie leicht etwas zerbrechen kann.
Wie dem auch sei, ich habe mich so lange es geht an diesem tauben Gefühl nach der Explosion festzuhalten versucht, aber die Wahrheit sickerte durch mich durch.
Wieder empfand ich Wut auf mich selbst und meine dumme Naivität, Wut darauf, dass ich sowohl der einen als auch der anderen Seite gerne Glauben schenken würde, der, die alles gut darstellt, und der, die alles, was ich dachte, sofort zunichte gemacht hat. Beide Seiten kennen mich gut, beide Seiten kennen mein Inneres. Die Frage ist nur - wen kenne ich denn nun besser? Die weiße, unbefleckte Seite, oder diejenige, die befleckt ist, die ich aber genau deswegen auch mag ... weil sie weiß wie es ist, unauslöschbare Flecken zu tragen.
Das frustrierte mich. Wie soll ich beiden Seiten vertrauen, wenn sie doch etwas völlig Unterschiedliches sagen und denken? Welche von den beiden meint es wirklich gut mit mir? Wer ist der Lügner mit dem falschen Lächeln?
Ich nahm mein Kissen, hielt es mir vor den Mund und schrie meinen Frust raus, spürte, wie ich rot anlief, wie mir die Luft ausging, wie mich der Bezug des Kissens erdrückte, aber das war mir im Moment egal. Ich musste einfach irgendwas tun, irgendwas, womit ich meine Schmerzen nach außen verlagere.
Ich wollte mit etwas um mich werfen, fand aber nichts, was ich zerstören wollte.
Wie denn auch ... ich hatte schon genug zerstört, unter anderem mich - schon wieder.
Die unbefleckte Seite ließ von mir ab ... sie hatte andere Dinge zu tun, konnte es sich gerade nicht leisten, mit jemandem zu reden, der eine Panik-Attacke bekommt und eine gewaltige Angst davor hat, das alles wieder zu durchleben. Ich spürte bereits, wie es mich anfing zu schütteln, die Schluchzer wurden atemloser, meine Beine wollten nicht mehr stehen.
Aber die befleckte Seite ... die von der man meinen sollte, sie sei schlecht ... sie blieb bei mir. Natürlich war sie nicht physisch bei mir, aber sie war dennoch da, obwohl sie anderes zu tun hatte, obwohl wir nicht mal richtig gut befreundet sind.
Rede mit mir darüber, erzähle es mir. Sprich dich bitte aus.
Ich nehme dich an der Hand und begleite dich durch deine Hölle.
Das waren die Worte der befleckten Seite ... so nett, so fürsorglich, so als würde es jemanden wirklich angehen, wie ich mich fühle. Als würde jemand an meiner Seite stehen, auch wenn ich mal nicht glücklich war. Und dieser Jemand sagt nicht nur Red einfach und sei danach glücklich; nein, dieser Jemand sagt sehr viel mehr, hört sehr viel mehr und vor allem ist er mir eine viel größere Hilfe.
Während ich überlegte, was ich sagen sollte, wie ich das umschreiben sollte, was gerade in mir vorging, fiel mein Blick auf meinen Wandschrank und ich hatte ein Deja Vu.
Vor 1 1/2 Jahren habe ich mich in einem Schuppen versteckt, als mich einer dieser Anfälle heimsuchte. Stundenlang saß ich dort, starrte ins Leere und wurde im Nachhinein ruhiger.
Also krümmte ich mich zusammen, setzte mich in den Schrank und zog die Türen fest zu, lehnte meine Stirn an das raue Holz der Tür und ließ meinen Schluchzern, meiner Wut, meiner Enttäuschung, allem freiem Lauf. Ich schlug auch um mich, ja, ich trat sogar an die Innenseite der Türen des Schranks, stopfte mir ein Shirt vor den Mund und schrie, schrie, schrie. Irgendwann konnte ich nicht mal mehr schluchzen, so heiser hatte ich mich geschrien. Klamotten lagen verstreut und unordentlich auf mir, weil ich so wild um mich geschlagen hatte, meine Fingerknöchel taten auch langsam weh. Ich war einfach nur nass, ob vor Schweiß oder vor Tränen war mir egal. Es war sehr warm in diesem Schrank, so kuschelig, weich, anders als in dem kühlen, staubigen Schuppen, in dem ich mich sonst versteckt hatte, als mich dieses Gefühl überkam; ich hätte auch meinen Kopf an einen der Kleiderständer lehnen und einschlafen können, einfach mal eine Weile aus der Realität entfliehen, die mir mal wieder ins Gesicht geschlagen hatte.
Aber das tat ich dann doch nicht.
Ich starrte auf die Worte, die das Befleckte mir hinterließ, wie es versuchte mich aus meinem so sicheren Versteck, in dem ich mich so sicher und versteckt vor allem fühlte hervorzulocken. Ich widersprach, ich wollte nicht raus. Es war so warm, ich war so müde, diese kauernde, zusammengerollte Stellung, in der ich mich befand, war sogar ganz angenehm. Doch das Befleckte gab nicht auf, wollte mich davon überzeugen, dass ich einen Spaziergang machen sollte, nach draußen, weil unberührte Natur einem Geborgenheit gibt. Entschuldigte sich dafür, mich da rein geritten zu haben, seine Wut an mir ausgelassen zu haben. Sagte mir, ich solle in mich gehen, versprach mir, nichts verloren zu haben, und ließ mich ausreden, wenn ich etwas zu sagen hatte.
Nach einer Stunde ging es. Es war okay, ich fühlte mich sehr viel besser; nicht nur wegen dem kleinen Raum, in dem ich mich eingesperrt hatte und der mich eine Weile lang vor der Welt schützte, nein, auch wegen dem Beflecktem, was vom Unbeflecktem so ... ja, fast verabscheut wird. Es war für mich da, und selbst wenn es körperlich weit weg war, fühlte ich mich so nah, so viel Nähe, als könnte ich die Körperwärme direkt neben mir spüren.
Ich steckte meinen Finger in den kleinen Spalt, der Licht in den Schrank hinein ließ, fuhr immer wieder damit durch, starrte hinaus.
Da draußen ist das Leben, hat das Befleckte gesagt.
Und schließlich seufzte ich, machte den Schrank auf und verließ meinen kleinen Raum.
Ich war immer noch etwas aufgewühlt, aber wenigstens weinte und schrie ich nicht mehr.
Es ging mir etwas besser.
Und selbst als es mir besser ging, stand das Befleckte an meiner Seite.
Das Unbefleckte ... das tauchte erst Stunden später wieder auf, verlangte nur, dass ich redete, und danach sollte ich mich besser fühlen. Nur fühlte ich mich bereits besser, daher hat es nichts gebracht, das alles nochmal durchzukauen.
Panik-Attacken sind schlimm, ja.
Aber sie gehen schneller vorbei, wenn jemand deine Hand hält, während du durch die Hölle gehst. Wenn jemand dich aus deinem Versteck rettet und dir versucht, die Welt zu zeigen, und dass sie nicht nur schwarze Seiten hat.
Die erste Panik-Attacke, die jemand gemeinsam mit mir durchlebt hat und nicht einfach abwartete, bis sie vorbei ging.
Die erste Panik-Attacke, die nicht durch das Bemühen von mir, aber eines anderen abgeebbt ist.
Die erste Panik-Attacke, die weniger Furcht einflößend war als alle anderen.
CU
Sana
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